Hoch geflogen – tief gefallen

Als aller erstes: Nein, mir geht es (natürlich) nicht gut. Deswegen mache ich mir zur Zeit viele Gedanken und vor allem kommt immer und immer wieder die eine Frage auf: Warum? Was ist passiert, dass es mir so schlecht geht, wie es aktuell ist? Es ging mir doch so gut …

Und das war wirklich so. Ich habe mich hingesetzt und überlegt und bin gedanklich ein paar Jahre zurück gegangen. So ca bis 2016 …

2016 war das Jahr, in dem ich für 3 Wochen in die Tagesklinik ging. Die Diagnose Borderline stand eigentlich schon viel länger fest, aber in diesem Jahr war ich zum ersten Mal bereit, mich therapieren bzw behandeln zu lassen. Ich lernte dort zwei sehr tolle Menschen kennen, mit denen sich eine enge Freundschaft entwickelte. Mir ging es so dermaßen gut und ich fühlte mich in meinem Leben wohl. Wir trafen uns sehr viel und … es war einfach toll.
Ich bin nicht sicher wann es war, aber irgendwann zerbrach es und zum Ende des Jahres traf schon das erste Chaos ein. Ich wollte mich von meinen Mann (mal wieder) trennen und traf einen Typen, den ich im Internet kennengelernt hatte. Was übrigens gar kein schönes Ende nahm. Trotzdem war mein Selbstbewusstsein zu dem Zeitpunkt ziemlich weit oben. Ich fühlte mich in meinem Körper wohl, hatte immer noch soziale Kontakte und fuhr alleine mit dem Bus. Für mich bedeutet soetwas sehr viel.
Außerdem malte ich sehr, sehr viel und startete sogar damit einen YouTube Kanal, mit dem ich relativ erfolgreich war.

2017 zog meine älteste Tochter ziemlich spontan nach Hause. Ich war völlig überfordert und erlitt die ersten Rückschläge. Ich hatte bereits da schon keine sozialen Kontakte mehr, nur noch ein paar Leute, die ich aus dem Internet kannte. Das Ganze ging schief und zum Ende des Jahres zog meine Tochter wieder aus. Das Malen wurde hier schon weniger. Außerdem fing es in diesem Jahr auch mit meiner Hand und den ständigen Schmerzen an.

2018 fing ich aktiv an World of Warcraft zu spielen. Anfangs war ich ziemlich schlecht, aber nach intensiven Beschäftigen mit meiner Klasse und vielen vielen Spielstunden wurde ich zu einer guten Spielerin. Durch das Spiel fand ich wieder zu anderen Leuten und mir ging es eigentlich relativ gut. Ja.
Malen tat ich mittlerweile ziemlich selten und auch das Schreiben wurde weniger. Zum einen vielleicht auch durch meinen vielen Stunden in WoW, aber oft war es mir aufgrund den Schmerzen überhaupt nicht möglich.

2019 war das Jahr, in dem alles zu viel wurde und ich erlitt einen heftigen Nervenzusammenbruch. Ich bin immer noch nicht 100 % sicher, ob das wirklich nur an dem Spiel lag. Der Druck, der damals in mir aufgebaut wurde und die ganzen Ängste, die mich tagtäglich begleiteten. Das kann nicht alles gewesen sein.
In den ganzen letzten Jahren, egal wie gut es mir ging, immer wieder gab es Menschen, die mir deutlich machten, was ich für eine Versagerin bin. Meistens waren es Leute aus der Familie meines Mannes. So etwas geht nicht spurlos an einem vorbei und das Gehirn ist ein Speicherort und offenbar hat es eine ziemlich große Festplatte. Viele Dinge konnten allerdings nie gelöscht werden und wie sagt man so schön? Irgendwann ist jedes Fass voll und da reicht der kleinste Tropfen, um es zum überlaufen zu bringen.
Ich ging also für knapp einen Monat in die Psychatrie. Mir ging es wieder gut und auch mein Selbstbewusstsein wurde wieder ein klitzekleines bisschen gestärkt.
Allerdings gab es nie eine Folgebehandlung. Ich hatte nie Bedarfsmedikamente im Anschluss bekommen. Ich musste wieder mit mir selbst zurechtkommen. Ohne Hilfe. Ohne Unterstützung. Alleine.
Übrigens wurde in diesem Jahr mein letztes Buch veröffentlicht. Ich wurde vom Verlag reingelegt und sah nie einen Cent.

Im Juli 2019 lernte ich aber wieder jemanden kennen. Ich rekrutrierte für meine Gilde aus WoW und fand … einen Freund. Ja, aus einem Onlinekontakt entwickelte sich tatsächlich eine sehr gute Freundschaft. Auf dieser lag allerdings kein Segen. Zwei Mal wurde sie auf die Probe gestellt und einmal war das Zerbrechen mir verschuldet.
Trotzdem … mir ging es immer noch gut. Vor allem als ich damals die Aufgabe hatte, die Gilde zu leiten und wachsen zu lassen, sprudelte das Selbstbewusstsein nur so in mir. Das hatte mir unheimlich viel Spaß gemacht.
Diese Freundschaft – oder – dieses hin und her – zog sich bis Anfang dieses Jahr. Ich wurde weggeschmissen. Ganz kurz und knapp. Ausgetauscht für irgendwelche Leute. Ich konnte es nicht verstehen. Natürlich bin ich kein einfacher Mensch und bringe jeden manchmal zur Weißglut. Aber das war nie ein Thema, denn wir akzeptierten den anderen wie er war. Das ist in einer Freundschaft angeblich normal.

2020 war das Jahr, in dem ich in WoW ganz viel suchtete und stellenweise die Nacht zum Tag machte. Ich spielte so aktiv und intensiv wie noch nie und erreichte ein großes Ziel. Ich war so stolz auf mich.

Aber irgendwie ist da eine Lücke. Ich finde das warum nicht. Mittlerweile haben wir April 2021. Seit Corona in der Welt herrscht, bin ich … ich weiß nicht. Nicht mehr ich. Der Virus hat mich krank gemacht. Kränker, als ich eh schon war.
Logischerweise unternahm ich nichts mehr, wie denn auch, wenn man nirgendwohin kann oder darf?! Aber trotzdem fehlt mir irgendetwas und ich verstehe es nicht.

Mir ging es doch so gut? Ich war ganz oben. Und jetzt?

Sind da nur noch Trümmer.

Ich habe nicht nur gute Freundschaften verloren, sondern auch mein Selbstwertgefühl. In den letzten Wochen spüre ich es wieder intensiv, wie egal mir alles ist. Wie egal es mir wäre, wenn ich morgen nicht mehr aufwache. Ich habe nichts mehr zu verlieren. Ich habe an fast allem den Spaß verloren.
WoW ist für mich mittlerweile nur noch ein kleiner Zeitvertreib. Es macht mir immer noch Spaß, aber meine Ängste haben wieder die Oberhand und bestimmen meinen Alltag. Soziale Kontake habe ich immer noch keine. Rückführung meiner Tochter steht in den Sternen. Meine Gesundheit ist psychisch sowie auch körperlich an der Untergrenze. Schmerzen begleiten mich jeden Tag. Albträume sind eine Regelmäßigkeit.
Ich fühle mich leer. Kaputt. Müde.

Die Frage, die ich mir aber immer noch stelle, konnte auch nicht mit dem Schreiben dieses Beitrags beantwortet werden. Ich verstehe immer noch nicht, was passiert ist, dass ich so tief gefallen bin.
Dass es mir nicht einfach scheißegal sein kann, dass ich diese Freundschaft verloren habe.
Dass ich in WoW keinen Spaß und Antrieb mehr habe.
Dass ich mich zwingen muss zu malen.
Dass ich es nicht schaffe, keine neuen Freunde zu finden.
Was ist mit mir passiert?

Nächste Woche am Montag geht es mit mir wieder zum Arzt. Ich bekomme die Ergebnisse vom Rheumatologen und danach kann ich hoffentlich mit meiner Ärztin sprechen und einen Kur / Klinik / Reha Antrag machen.
Ich weiß, dass ich das brauche und es dringend notwendig ist. Ich hoffe, dass es mir danach wieder besser geht.
Aber ich weiß nicht, ob ich noch mal fliegen kann.

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